Landtag von Baden-Württemberg
16. Wahlperiode
Drucksache 16/ 1154
08. 12. 2016

16_1154_D

Antrag der Abg. Dr. Heiner Merz u. a. AfD und Stellungnahme des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau

 

Wie reagiert die Landesregierung auf den Mangel an Auszubildenden?

 

Antrag

Der Landtag wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen zu berichten,

  1. wie viele Ausbildungsplätze in Baden-Württemberg zu Beginn des Ausbildungsjahres nicht besetzt werden konnten;
  2. ob ihr bekannt ist, in welchen Bereichen die Vorbildung von Bewerbern auf einen Ausbildungsplatz bemängelt wird;
  3. wie sie – etwa im Bereich der schulischen Bildung – darauf reagiert, dass sich die Anforderungen für verschiedene Berufe erheblich verändert haben;
  4. welche Möglichkeiten sie sieht, Anreize zu schaffen, um die Flexibilität potenzieller Bewerber hinsichtlich ihrer Berufswahl zu fördern;
  5. welche Möglichkeiten sie sieht, um Auszubildende zu entlasten, welche im Rahmen ihrer Ausbildung lange Anfahrtswege in Kauf zu nehmen haben;
  6. welche Maßnahmen sie ergriffen hat, um günstigen Wohnraum für Auszubildende – insbesondere im ländlichen Raum – zu schaffen;
  7. welche Konzepte oder Vorschläge ihr von Interessenverbänden, Vertretern der Wirtschaft o. ä. zur Bewältigung der derzeitigen Lage vorliegen;
  8. für welche Wirtschaftszweige sie aus welchen Gründen eine besondere Gefährdung durch den Mangel an Auszubildenden sieht;
  9. welche Folgen sich aus dem derzeitigen Mangel an Auszubildenden für Baden-Württemberg ergeben;
  10. welche Erfolge sie bereits durch die Bündelung von Berufsausbildungen verzeichnen konnte.

05. 12. 2016
Dr. Merz, Sänze, Wolle, Gögel, Baron, Herre, Stein AfD

Begründung
Berichte, dass es auch in Baden-Württemberg an Auszubildenden mangelt, konnten u. a. durch eine Kleine Anfrage (Drucksache 16/838) bestätigt werden. Vor dem Hintergrund der enormen wirtschaftlichen Bedeutung für das Land müssen die Haltung der Landesregierung und ihre geplanten Maßnahmen dargelegt werden. So beschränkt sich der Koalitionsvertrag diesbezüglich fast ausnahmslos mit der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Sichtbare Unterstützung für Auszubildende im Allgemeinen leistet die Landesregierung seit kurzem – aufgrund einer Verpflichtung durch den Verwaltungsgerichtshof – im Rahmen der Kosten zum Besuch der Berufsschule. Vor dem Hintergrund, dass auch eine gewisse Flexibilität hinsichtlich des Arbeitsplatzes vorhanden sein soll, ist zu erfragen, inwiefern die Landesregierung bereit ist, auch über gerichtliche Verpflichtungen hinaus eine Förderung für Auszubildende bereitzustellen und wie die im Koalitionsvertrag angesprochenen Mängel angegangen werden sollen.


Stellungnahme
Mit Schreiben vom 2. Januar 2017 Nr. 2-6001.1/457 nimmt das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau im Einvernehmen mit dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport zu dem Antrag wie folgt Stellung:

1. Wie viele Ausbildungsplätze in Baden-Württemberg zu Beginn des Ausbildungsjahres nicht besetzt werden konnten;
Zu 1.:
Zum 30. September 2016 waren in Baden-Württemberg 7.168 der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Berufsausbildungsstellen unbesetzt.

2. ob ihr bekannt ist, in welchen Bereichen die Vorbildung von Bewerbern auf einen Ausbildungsplatz bemängelt wird;
Zu 2.:
Aus betrieblicher Sicht entsprechen junge Menschen nicht immer den Anforderungen der Ausbildungsbetriebe. Dies sind in der Regel statistisch nicht abbildbare Faktoren wie soziale, kognitive oder handwerkliche Kompetenzen. Der Landesregierung ist bekannt, dass die Wirtschaft insbesondere in den Bereichen Lesen, Schreiben und Rechnen gelegentlich Defizite der Bewerberinnen und Bewerber
bemängelt.

3. wie sie – etwa im Bereich der schulischen Bildung – darauf reagiert, dass sich die Anforderungen für verschiedene Berufe erheblich verändert haben;
Zu 3.:
Im Bereich der allgemein bildenden weiterführenden Schulen werden mit dem Bildungsplan 2016 Maßnahmen der Anpassung an aktuelle Veränderungen vorgenommen. So wird zum einen durch die Rückkehr zum Fächerprinzip die Fachlichkeit gestärkt und zum anderen durch die Einführung der Leitperspektive Medienbildung und die sukzessive Stärkung des Faches Informatik der zunehmenden Digitalisierung vieler Ausbildungsberufe Rechnung getragen. Darüber hinaus gibt es verschiedene Einzelmaßnahmen. So fördert das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau die Einrichtung von Lernfabriken 4.0
an beruflichen Schulen, um Fach- und Nachwuchskräfte auf die Anforderungen der Industrie 4.0 vorzubereiten.

4. welche Möglichkeiten sie sieht, Anreize zu schaffen, um die Flexibilität potenzieller Bewerber hinsichtlich ihrer Berufswahl zu fördern;
Zu 4.:
Die Landesregierung stärkt den Stellenwert der beruflichen Orientierung durch die Umsetzung der Leitperspektive Berufliche Orientierung und die Einführung des Faches Wirtschafts-/Berufs- und Studienorientierung deutlich. Im Sinne der Leitperspektive Berufliche Orientierung findet in den allgemein bildenden Schulen eine individuelle Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit ihren Wünschen und Vorstellungen, Perspektiven und Möglichkeiten statt. Ausgehend von Interessen, Potenzialen und Kompetenzen werden die Schülerinnen und Schüler in einem langfristig angelegten Prozess befähigt, sich reflektiert und selbstverantwortlich für einen Beruf zu entscheiden. Die Leitperspektive Berufliche Orientierung wird in allen Fächern und Klassenstufen Berücksichtigung finden und so einen mehrperspektivischen individuellen Zugang zum Berufswahlprozess ermöglichen. Das Fach Wirtschafts-/Berufs- und Studienorientierung hat koordinierende und steuernde Funktion. Ausgehend von den Interessen, Potenzialen und Kompetenzen trägt das Fach im Rahmen der Berufs- und Studienorientierung dazu bei, die Schülerinnen und Schüler in einem langfristig angelegten Prozess zu beraten und zu begleiten. Insbesondere die Koordinierung der handlungsorientierenden Maßnahmen und Praktika liegt in der Verantwortung des Faches, vor allem auch die Beteiligung und Integration anderer Fächer in den Berufswahlprozess. Weiter unterstützt die Landesregierung die gemeinsamen Bemühungen der Schulen und außerschulischer Partner, die der lebensnahen Berufsorientierung dienen. Dazu zählen zum Beispiel die Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen sowie die Initiative Ausbildungsbotschafter. Die Kampagne gutausgebildet.de des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau zeigt das gesamte Berufsspektrum in der betrieblichen Ausbildung auf. Es ist der Landesregierung auch ein wichtiges Anliegen, dass die betriebliche Ausbildung als gleichwertige Alternative zu einem  Hochschulstudium auch für Bewerberinnen und Bewerber mit Hochschulzugangsberechtigung angesehen wird. Dass mittlerweile nahezu jeder vierte Auszubildende über das Abitur oder die Fachhochschulreife
verfügt, sieht sie als Beleg für die große Attraktivität der betrieblichen Ausbildung für diesen Personenkreis. Die Flexibilität der Bewerberinnen und Bewerber kann nach Ansicht der Wirtschaft vor allem dadurch wirksam gefördert werden, dass die Informationen über die gesamte Bandbreite der Berufe und die damit einhergehenden Chancen kontinuierlich gestreut und diese praktisch erlebt werden. Im Rahmen einer neigungs- und marktorientierten Berufsorientierung und individuellen Berufsberatung thematisieren die Beratungsfachkräfte der Agenturen für Arbeit sowohl die fachliche wie auch die räumliche Mobilität junger Menschen. Dies ist auch ein Thema in der Elternarbeit, da die Eltern einen wichtigen Faktor in der Berufswahl darstellen. Im Übrigen verstärken auch die Betriebe zunehmend ihr Ausbildungsmarketing,
um die Vorteile ihres Ausbildungsangebotes herauszustellen und entsprechende Anreize zu setzen.

5. welche Möglichkeiten sie sieht, um Auszubildende zu entlasten, welche im Rahmen ihrer Ausbildung lange Anfahrtswege in Kauf zu nehmen haben;
Zu 5.:
Zur Förderung der räumlichen Mobilität kann bei Vorliegen der Voraussetzungen aus Mitteln der Bundesagentur für Arbeit Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) gewährt werden, sofern die Distanz zur Ausbildungsstelle eine eigene Haushaltsführung erforderlich macht.

6. welche Maßnahmen sie ergriffen hat, um günstigen Wohnraum für Auszubildende – insbesondere im ländlichen Raum – zu schaffen;
Zu 6.:
Mit der Wohnraumförderung will das Land sozial gebundenen Wohnraum schaffen, der einkommensschwächeren Haushalten vorzubehalten ist. Da Haushalten mit geringerem Einkommen vielerorts der Zugang zum Wohnungsmarkt versperrt oder zumindest erheblich erschwert ist, knüpft die Wohnberechtigung an das zur Verfügung stehende Haushaltseinkommen an. Das gilt auch für Auszubildende. Eine Förderung ausschließlich zugunsten dieser Personengruppe würde dagegen diesem sozialen Ansatz der allgemeinen sozialen Mietwohnraumförderung nicht entsprechen.

7. welche Konzepte oder Vorschläge ihr von Interessenverbänden, Vertretern der Wirtschaft o. ä. zur Bewältigung der derzeitigen Lage vorliegen;
Zu 7.:
Damit Unternehmen erfolgreich sein können, benötigen sie beruflich qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hieran fehlt es in vielen Branchen bereits heute. Deshalb wurde das Bündnis zur Stärkung der beruflichen Ausbildung und des Fachkräftenachwuchses in Baden-Württemberg geschlossen. Im Ausbildungsbündnis Baden-Württemberg arbeiten das Land, die Kammern und Verbände der Wirtschaft, die Gewerkschaften, die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit und die kommunalen Landesverbände gemeinsam daran, die berufliche Ausbildung zu stärken und den Fachkräftenachwuchs zu sichern.
Dem Mangel an Fachkräftenachwuchs wirken die Bündnispartner durch ein breites Spektrum von Maßnahmen aktiv entgegen. Eine wichtige Maßnahme ist die Neugestaltung des Übergangs Schule – Beruf in derzeit 12 Modellregionen. Wichtigstes Ziel ist die Verbesserung des direkten Übergangs von der Schule in Ausbildung und Beruf. Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau fördert bei Stadt- und Landkreisen angesiedelte sogenannte „Regionale Übergangsmanagements“, die alle Partner des Ausbildungsbündnisses auf lokaler Ebene an einen Tisch bringen und die Zusammenarbeit vor Ort steuern. Ebenfalls gefördert werden sogenannte AVdual-Begleiterinnen und -Begleiter, die im neuen Bildungsgang „Ausbildungsvorbereitung dual“ (AVdual) junge Menschen mit Förderbedarf beim Übergang von der Schule in ein Ausbildungsverhältnis unterstützen.

8. für welche Wirtschaftszweige sie aus welchen Gründen eine besondere Gefährdung durch den Mangel an Auszubildenden sieht;
Zu 8.:
Zum 30. September 2016 waren in Baden-Württemberg in den folgenden zehn Berufen die meisten unbesetzten bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Berufsausbildungsstellen zu verzeichnen:

  • Kaufmann/-frau im Einzelhandel
  • Verkäufer/-in
  • Koch/Köchin
  • Fachverkäufer/-in Lebensmittelhandwerk – Fleischerei
  • Restaurantfachmann/-frau
  • Zahnmedizinische/r Fachangestellte/r
  • Friseur/-in
  • Fachverkäufer/-in Lebensmittelhandwerk – Bäckerei
  • Hotelfachmann/-frau
  • Handelsfachwirt/-in

9. welche Folgen sich aus dem derzeitigen Mangel an Auszubildenden für Baden-Württemberg ergeben;
Zu 9.:
Der Mangel an Auszubildenden kann einen künftigen Fachkräftemangel verstärken. Unternehmen, die ihren Fachkräftebedarf nicht mehr in ausreichendem Umfang durch die eigene Ausbildung decken können, weil nicht mehr genügend junge Menschen für eine Ausbildung zur Verfügung stehen, werden künftig verstärkt auf den Fachkräftemarkt drängen, auf dem heute schon in vielen Bereichen Engpässe vorhanden sind. Die Industrie- und Handelskammern sehen gestützt auf das IHK-Fachkräftemonitoring die Gefahr, dass die verfügbaren Fachkräfte weniger und älter werden. Insbesondere das Angebot an Meistern, Fachwirten, Technikern, Betriebswirten und Fachkaufleuten, d. h. an nichtakademisch ausgebildeten Fachkräften mit hoher Qualifikation, könnte deutlich hinter der Nachfrage zurückbleiben. Im Handwerk sind nach Auskunft des Baden-Württembergischen Handwerkstags derzeit rund 8.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. In dieser Zahl sind alle gemeldeten sowie auch nicht gemeldete Stellen inbegriffen. Die meisten Ausbildungsplätze sind im Nahrungsmittelhandwerk sowie im Bauhauptgewerbe offen. Hieraus kann ein Fachkräftemangel in diesen und anderen Gewerken resultieren. Insbesondere im ländlichen Raum tun sich nach Einschätzung des Baden-Württembergischen Handwerkstags Betriebe schwer, Betriebsnachfolger zu finden.

10. welche Erfolge sie bereits durch die Bündelung von Berufsausbildungen verzeichnen konnte.
Zu 10.:
Den sich verändernden Anforderungen an einzelne Berufsbilder wird auf der dafür zuständigen Bundesebene durch die regelmäßige Modernisierung der Ausbildungsordnungen und durch eine Systematisierung der Berufe Rechnung getragen, womit auch eine Bündelung von Berufsausbildungen einhergehen kann. So hat der Bund im Jahre 2013 mit der Verordnung über die Berufsausbildung zur Fachkraft für Metalltechnik elf sogenannte Altberufe abgelöst. Als Altberufe werden solche Berufe bezeichnet, die bereits gegolten haben, bevor das Berufsbildungsgesetz in Kraft getreten ist.

In Vertretung
Wicker
Ministerialdirektor